28.02.2009 / Wochenendbeilage: Antideutsche Leitkultur

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28.02.2009 / Wochenendbeilage / Seite 3 (Beilage)Inhalt

Antideutsche Leitkultur

Der Schwarze Kanal

Von Werner Pirker

 

Hermann Dierkes, OB-Kandidat der Linken in Duisburg, hatte auf einer Palästina-Veranstaltung eigentlich nur die Position des Weltsozialforums im brasilianischen Belém angesichts der israelischen Massaker in Gaza zur Kenntnis bringen wollen. Dort war ein Boykott israelischer Waren als ein mögliches Mittel zur Aggressionsbekämpfung genannt worden. Da der Linken-Politiker aber auch selbst deutlich gegen die Gewaltpolitik Israels Stellung bezog, war alles weitere vorhersehbar. Wer in Deutschland einen Handelsboykott gegen Israel fordert, kann sicher sein, daß ihm der Subtext »Kauft nicht bei Juden« unterschoben wird. Es ist zudem nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Richterstuhl der politischen Korrektheit in ein ordentliches Gericht verwandelt, in dem Boykottaufrufe gegen die nahöstlichen Kriegstreiber unter der Anklage der Volksverhetzung stehen.

Inzwischen ist Hermann Dierkes völlig entnervt zurückgetreten. Die mediale Hetzjagd, zu der vor allem Bild und die Zeitungen des WAZ-Konzern geblasen hatten, hätte er wahrscheinlich noch ertragen. Als nicht mehr erträglich dürfte er es erst empfunden haben, als Leute aus der eigenen Partei in die Haßgesänge einstimmten. Das gibt es nur in der Linkspartei, daß Angriffe aus den eigenen Reihen mit den übelsten Kampagnen des politischen Gegners mitunter vollends kompatibel sind.

Und da gehörte einiges dazu – angesichts der skandalösen Entgleisungen, die sich vor allem die Westdeutsche Allgemeine Zeitung leistete, wo sich der linke Antifaschist Hermann Dierkes mit einem Mal in eine Reihe mit Martin Hohmann, Eva Hermann und Richard Williamson gestellt sah: »Mit unvorsichtigen Nazi-Äußerungen haben sich hierzulande schon ganz andere Kaliber schnell, präzise und dauerhaft unmöglich gemacht«, lobte Achim Beer die gnadenlose Präzision des antifaschistischen Säuberungsmechanismus. Unerörtert blieb freilich, warum das antifaschistische Gewissen im deutschen Mainstream erst erwachte, als der Westen Hitlers Kreuzzug gegen den Bolschewismus doch noch siegreich zu Ende gebracht hatte.

»Schließen wir bitte ganz kurz die Augen«, fordert der WAZ-Autor volle Zustimmung zur medialen Hinrichtung eines Linkspolitikers, »und versuchen wir uns eine Massenerschießung an einem ukrainischen Waldrand vorzustellen oder eine Selektion an der Rampe von Auschwitz.« Weil der zurückgetretene Duisburger OB-Kandidat die Möglichkeit eines Boykotts israelischer Waren in Erwägung gezogen hatte, wird ihm eine Schuld unterstellt, die bis an die Rampe von Auschwitz zurückreicht. Weil er Israels grausamen Feldzug gegen palästinensische Zivilisten verurteilte, stellt ihn ein journalistischer Totschläger in die geistige Tradition eines faschistischen Erschießungskommandos.

Nicht minder grausam waren Äußerungen, die sich Hermann Dierkes von Funktionsträgern seiner Partei anhören mußte. Den zum Teil haßerfüllten Angriffen gemeinsam war die völlig unreflektierte Übertragung des europäischen Antisemitismus auf die Nahostsituation. Wer die zionistische Gewaltorientierung einer grundsätzlichen Kritik unterzieht, wer es auch noch wagt, ökonomische Strafmaßnahmen gegen die andauernde Verletzung des Völkerrechts zu fordern, weil ohne westliches Sponsoring die israelische Kriegspolitik längst an ihre Grenzen gestoßen wäre, der sieht sich in die Rolle eines antisemitischen Randalierers gestellt, der »Kauft nicht beim Juden« grölt.

»Angesichts der deutschen Geschichte wecken diese Äußerungen unsägliche Assoziationen und bedienen finstere Klischees«, entsetzte sich die Bundestagsvizepräsidenten und frühere Pionierleiterin Petra Pau. Die Unkultur der »Antideutschen« ist mittlerweile zur deutschen Leitkultur aufgestiegen. Besonders exzessiv wird sie in Teilen der Linkspartei gepflegt. Davon zeugt nicht nur die prozionistische pressure group »BAK Shalom«, die bei der Entlarvung von Antizionismus und Antiamerikanismus den denunziatorischen Eifer von Blockwarten der westlichen Wertegemeinschaft an den Tag legt. Ganz im antideutschen Debattenstil erfolgten auch die gegen Dierkes gerichteten Angriffe diverser Linkspolitiker in Nordrhein-Westfalen. Günter Will aus Gelsenkirchen warf ihm vor, »antijüdische Bestrebungen« zu schüren. Und Anna Lena Orlowski sprach von »antisemitischen Äußerungen, die ihm voll bewußt waren«.

Würde Hermann Dierkes in einem zivilisierten Land leben, müßte er die Dame verklagen. Doch er lebt in Deutschland, das die Sühne für deutsche Schuld auf die Palästinenser abgeladen hat. Und in dem jede davon abweichende Meinung unter Antisemitismusverdacht gerät.