Kündigung des Abonnements Nr. 51191862/11/2769 Dierkes-Weyers

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Hermann Dierkes
Hufstr. 38
47166 Duisburg


Duisburg, den 08.03.09


WAZ – Aboservice
Redaktionen Duisburg
Zentralredaktion Essen z.Hd. Herrn Reitz


Kündigung des Abonnements Nr. 51191862/11/2769 Dierkes-Weyers


Werte Damen und Herren,

ich habe die Kündigungsbestätigung erhalten. Sie baten in Ihrer Bestätigungsmail gewissermaßen um ein feedback, warum ich die WAZ gekündigt habe. Das will ich Ihnen mitteilen:
Die WAZ hat sich zum Vorreiter einer Rufmordkampagne gegen meine Person und gegen die Partei DIE LINKE gemacht, indem ein telefonisches Kurzinterview am 23.02.09 durch Ihren Mitarbeiter Balke (Red. Duisburg) mit mir zu einer Palästina-Veranstaltung am 18.02.09 in Duisburg-Hamborn so verfälscht wurde, als hätte ich in der Tradition der Nazis zum Boykott gegen Juden aufgerufen. Der Artikel von Herrn Balke erschien am 24.02.09 in Ihrer Duisburger Ausgabe. Meine umgehend an die Duisburger Redaktion geschickte Stellungnahme und Richtigstellung vom 24.02.09 wurde nicht abgedruckt.

In den dann folgenden Tagen haben Sie das Thema systematisch bis auf die Titelseiten und in die Hauptkommentare hochgezogen. Es wurde von zahlreichen weiteren Medien und politischen Akteuren aufgegriffen. Genereller Tenor: „Linker Kommunalpolitiker Dierkes ruft auf: ‚Kauft nicht bei Juden’“.
In Ihrer Duisburger Ausgabe vom 25.02.09 stellten Sie mich de facto als Lügner dar, indem Sie behaupteten, ein Aufruf der Abschlussversammlung der sozialen Bewegungen des Weltsozialforums in Belém, auf den ich mich auf der Hamborner Veranstaltung und gegenüber Herrn Balke bezogen hatte, existiere überhaupt nicht. Dieser Aufruf, der problemlos im Internet abrufbar ist, beinhaltet eine massive Kritik am Krieg der israelischen Regierung und Armee gegen Gaza und proklamiert den 30.03.09 zum internationalen Protesttag gegen die Unterdrückung der Palästinenser. Der Aufruf  beinhaltet des weiteren Aktionsformen und Sanktionen gegen die israelische Regierung: Waffenembargo, Boykott und Desinvestment. Kern meiner inkriminierten Aussage war, dass ich persönlich diese Sanktionsformen angesichts der Lage in Nahost für legitim halte.

Als die Duisburger Redaktion nachdrücklich mit den Fakten konfrontiert wurde, haben Sie in der Ausgabe vom 26.02.09 diesen Aufruf  durch teilweise nicht näher genannte „Teilnehmer“ des Forums derart relativieren lassen, dass Ihre Falschbehauptung nicht eindeutig richtig gestellt wurde.
Des weiteren haben Sie in Ihrer Zeitung BürgerInnen und Teile meiner Partei auf Grundlage Ihrer falschen Berichterstattung zu Aussagen gegen mich instrumentalisiert. Sie haben Leitartikel gebracht, in denen alles Mögliche zusammengerührt wurde; in denen ich quasi in die Nähe von Leugnern des Völkermords an den Juden gerückt wurde. In der Ausgabe vom 28.02.09 wurde eine Karikatur von Heiko Sakurai in Anspielung an das berüchtigte Foto eine SA-Mannes und mit meinem Namen und der LINKEN abgedruckt.

Lassen Sie mich etwas ausholen, um meine Beweggründe und meine tatsächlichen Ansichten hinsichtlich Nahost noch einmal darzulegen, anstelle dieses medialen Popanzes, der von mir gemacht worden ist.

Sie wollen – im Gegensatz zu mir und vielen anderen - nicht unterscheiden zwischen rassistischen Aufrufen und Sanktionen gegen eine Ethnie oder Glaubensgemeinschaft einerseits und einer Sanktion gegen eine politische und wirtschaftliche Einheit und ihrer Institutionen andererseits, die sich fortlaufend schwerer Menschenrechtsverbrechen schuldig macht, fortlaufend gegen Völkerrecht und UN-Resolutionen verstößt und damit auch dem eigenen Land und der eigenen Bevölkerung kaum wieder gut zu machenden Schaden zufügt.

Im Gegenteil, wer die Einhaltung der universalen Menschenrechte und die Beachtung des Völkerrechts durch die israelische Regierung einklagt und sich für eine tragfähige Lösung in Nahost einsetzt wie ich (in Form der Zweistaatigkeit oder – was derzeit allerdings am allerwenigsten Aussichten hätte: in Form eines gemeinsamen säkularen Staats) der wird auch von der WAZ in die Ecke des Antisemitismus und der Nazi-Ideologien gestellt. Das ist unerhört!

Auch nicht austilgbare, historische Menschheitsverbrechen wie der Massenmord an den europäischen Juden dürfen nicht nur Rechtfertigung, Toleranz und Unterstützung der israelischen Regierungspolitik gegenüber den Palästinensern herangezogen werden, wenn sie nicht in Ordnung ist. Und deren Elemente sind: politischer Boykott unterschiedlichster Vertretungen der palästinensischen Seite („Mit Terroristen reden wir nicht“), wirtschaftliche Strangulierung der Palästinensergebiete, Mauerbau, willkürliche Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Verweigerung von Rechtschutz bei tätlichen Übergriffen; Sippenhaft bei Sanktionen wie der systematische Abriss von Häusern palästinensischer Widerständler; Abgraben von Wasserressourcen, Umweltzerstörung durch Abwässer aus den illegalen Siedlungen; Terrorisierung der Zivilbevölkerung durch Siedlermob und Staatsterrorismus durch Armee und Geheimdienstoperationen, ethnische Säuberung, Landraub durch illegale Besiedlung, apartheidähnlicher Ausschluss von Palästinensern bei der Benutzung von bestimmten Strassen in den besetzten Gebieten; Verweigerung der Eigenstaatlichkeit, brutale Kriege, völkerrechtswidriger Kriegsmitteleinsatz usw. Das alles wird ständig von israelischen und palästinensischen Menschenrechtlern, Juristen und internationalen Beobachtern berichtet, publiziert und dokumentiert. Die Stellungnahmen über die jüngsten Auswirkungen des Angriffs auf den Gaza-Streifen von UN und Amnesty International sind eindeutig. Warum bringen Sie nicht auch viel mehr kritische Berichte von den oppositionellen Stimmen in Israel selbst? Sie braucht dringend die Unterstützung der Weltöffentlichkeit.


Es fällt immer wieder auf, dass so vieles, was der palästinensischen Seite unterstellt oder angelastet wird, geradezu spiegelbildlich von der israelischen Seite praktiziert wird:

  • Terroristische Methoden der Landnahme, Enteignung, der Liquidierung von politischen Führungspersonal und der Niederhaltung von Widerstand in jeglicher Form
  • Keine Bereitschaft, die volle Eigenstaatlichkeit der Palästinenser auch nur auf einem Teilstück ihres historischen Territoriums anzuerkennen;
  • Systematische Missachtung von Menschenrechten und Völkerrecht
  • Rassistische Ausgrenzung
  • Benutzung „menschlicher Schutzschilde“ bei repressiven Maßnahmen und in Kriegshandlungen usw. usf.


Und es ist eine absolute Heuchelei, unter diesen Bedingungen Krokodilstränen über die „Kunstdüngerraketen“ der Splittergruppe Islamischer Djihad zu vergießen, über Selbstmordattentäter und verbreiteten Hass gegen Israel in der palästinensischen (und arabischen) Bevölkerung, der immer neuen Widerstand und immer neue Bereitschaft provoziert, auch terroristische Mittel einzusetzen. Die Dauerkrise in Nahost und die Politik der deutschen Regierung, der EU und verschiedener USA-Regierungen hat auch den Aufstieg des islamistischen Fundamentalismus entscheidend gefördert.

Damit wir uns richtig verstehen: Jeder Tote, egal auf welcher Seite, ist einer zuviel. Aber ich sehe nicht, warum unter den diesen Verhältnissen die israelische Politik als Verkörperung des Guten hingestellt wird und die politischen Ausdrucksformen oder auch die quasi-militärischen Aktivitäten der Palästinenser als das Böse schlechthin. Die Zahl der palästinensischen und arabischen Opfer liegt um eine Vielfaches höher als die der israelischen Seite!

Die Linie der WAZ rechtfertigt Dinge, die nicht zu rechtfertigen sind. Auch sie benutzt den Vorwurf  des Antisemitismus als politische Waffe (N. G. Finkelstein). Sie hängt einer Politik nach, die keinerlei gute Zukunft haben kann. Sie wissen sehr gut, dass auch in Israel fundamentalistische Parteien leider stark auf dem Vormarsch sind, die alles wollen, nur keinen Frieden.

Wird die WAZ vielleicht auch noch den Einsatz von Atomwaffen gegen Palästinenser (oder den Iran) als „Selbstverteidigung“ Israels rechtfertigen? Warum berichten Sie nicht, dass z.B. der ultrarechte Avigdor Lieberman während des Gaza-Kriegs erklärte, wenn er es in der Hand hätte, würde er „schwerste Waffen“ einsetzen? Hoffen wir, dass es nie dazu kommt. Besser: Tun wir etwas dagegen! Deswegen muss auch die deutsche Nahostpolitik sich endlich von ihrer Einseitigkeit freimachen. Diese Politik liegt nicht im wohlverstandenen deutschen Interesse. Ein Waffenembargo ist dringlich. Einflussreiche Medien wie die WAZ hätten hier eine immens wichtige Aufgabe wahrzunehmen.

Und damit auch hier absolute Klarheit herrscht, was meine Position ist: Wiedergutmachung und Erinnerungsarbeit, internationale Begegnung, wirtschaftliche Beziehungen, Zusammenarbeit in Kultur und Wissenschaft usw. haben dabei selbstverständlich im Mittelpunkt zu stehen. Allerdings muss radikal gebrochen werden mit jeder Form von Komplizenschaft bei menschen- und völkerrechtwidrigen Aktivitäten israelischer Regierungen. Diese sind per se unakzeptabel und die Komplizenschaft liegt nicht im deutschen und nicht im israelischen Interesse.
Damit stelle ich gleichzeitig fest – und dies entspricht meinen jahrzehntelangen politischen Aktivitäten – dass ich überhaupt nicht auf Beifall von der falschen Seite, von echten Antisemiten und Neonazis spekuliere. Ich weiß, dass echte Antisemiten, Neonazis und islamistische Fundamentalisten ebenfalls Israel attackieren unter Verweis auf die Unterdrückung der Palästinenser. Leider ist es so, dass ihre Kritik auch noch den Anschein von Legitimität gewinnt, weil die Wirklichkeit tatsächlich so schlimm ist. Ihnen würde diese scheinbare Legitimität sofort entzogen und ihr rassistischer Antisemitismus träte klarer zutage, wenn sich das Verhältnis zwischen Israel und den Palästinensern radikal zum Besseren ändern würde.

Zurück zu Ihrer Kampagne gegen mich. Sie hat eine bundesweite Diffamierungswelle gegen mich ausgelöst. Ich habe eine schwere psychische Krise erlitten und meine OB-Kandidatur in Duisburg zurückgezogen. Auch deshalb, um meine nächsten Angehörigen und MitarbeiterInnen buchstäblich aus der Schusslinie zu nehmen.

Das Fazit dieser öffentlichen Steinigung, der ich schutzlos ausgesetzt war, ist schwere Rufschädigung, nachdem fast 40 Jahre auf der politischen Linken und als Gewerkschafter mich für soziale Gerechtigkeit, Frieden in der Welt und gegen Rassismus in jeder Form eingesetzt habe. Sie haben sich Methoden bedient, die journalistische Sorgfaltspflicht und Fairness mit Füßen treten. Viele Journalisten und Redakteure kennen mich, meine Ansichten und Aktivitäten seit vielen Jahren. Ich bin sicher, dass sie mich nicht als den Unhold einschätzen, zu dem Sie mich gemacht haben. Ich war 30 Jahre bis zu meinem Vorruhestand in der Stahlindustrie tätig und aktiver IG Metaller. Seit fast 10 Jahren bin ich als Vorsitzender der Linksfraktion im Rat der Stadt Duisburg tätig. Für mich und viele Menschen, die mich kennen, darunter auch zahlreiche WAZ-LeserInnen, ist es nach wie vor unfassbar, auf welche Art und Weise Sie mich zur Unperson gemacht haben.

Lassen Sie mich – gegen die von Ihnen ebenfalls veröffentliche Behauptung - nochmals klarstellen: Ich greife nicht „die Presse“ an. Was ich Ihnen vorwerfe ist nicht der Gebrauch der Pressefreiheit, die ich als sehr hohes Gut erachte, sondern den Missbrauch der Pressefreiheit und der Marktmacht der WAZ für verleumderische und rufschädigende Zwecke.

Als (Neben-) Effekt Ihrer Schmähkampagne gegen mich und DIE LINKE wurde offensichtlich darauf spekuliert, dass die Ihnen sehr nahe stehende NRW-SPD wahlpolitisch Nutzen daraus zieht. Das wird unter anderem daran deutlich, dass sich auffällig viele Akteure mit SPD-Parteibuch gegen mich und meine Partei geäußert haben bzw. gegen mich in Stellung gebracht wurden. Dem selbst gesetzten Anspruch der WAZ, „unabhängig und überparteilich“ zu sein, sind Sie mit dieser Kampagne und ebenfalls nicht gerecht geworden.

Ich lasse Ihre Kampagne gegen mich insgesamt noch einmal juristisch prüfen.

Sie werden verstehen, dass meine Frau und ich von einem weiteren Abonnement der WAZ absehen wollen, da wir Diffamierungen und böswillige Verfälschungen nicht auch noch finanzieren wollen. Entschuldigen Sie sich, ändern Sie Ihre redaktionelle Linie, dann haben Sie in uns auch wieder treue LeserInnen.

Dieses Schreiben geht auch an die Duisburger Redaktionen und an die Zentralredaktion der WAZ. Ich behalte mir des Weiteren vor, es zu veröffentlichen.

gez. Hermann Dierkes
 

Über Antisemitismus, Boykottmaßnahmen und den Fall Hermann Dierkes

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Über Antisemitismus, Boykottmaßnahmen und den Fall Hermann Dierkes

Ein Offener Brief von jüdischen FriedensaktivistInnen

Wir sind FriedensaktivistInnen mit jüdischem Hintergrund. Einige von uns definieren sich typischerweise so, andere von uns nicht. Alle zusammen widersprechen wir allerdings jenen, die vorgeben, für alle Juden zu sprechen oder die den Vorwurf des Antisemitismus dazu benutzen, um legitimen Widerspruch zu verunglimpfen.

Wir haben mit Bestürzung von den Anschuldigungen gegen den Gewerkschafter und Vertreter der Partei DIE LINKE, Hermann Dierkes, aus der deutschen Stadt Duisburg erfahren. Dierkes hatte im Zusammenhang mit dem jüngsten Angriff auf Gaza die Meinung vertreten, dass eine Maßnahme, den Palästinensern zu Gerechtigkeit zu verhelfen darin bestehen könne, dem Aufruf des Weltsozialforums zu folgen und den Boykott israelischer Produkte zu unterstützen. Auf diese Weise solle Druck auf die israelische Regierung ausgeübt werden.

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Boykottkontroverse und Antisemitismus

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Boykottkontroverse und Antisemitismus

Stellungnahmen, Solidaritätsadressen, Interviews

Schluss mit der Diffamierungskampagne gegen Hermann Dierkes

Zeitungen der WAZ-Gruppe haben Ende Februar 2009 eine Kampagne angeschoben, die von etlichen weiteren Medien wie der BILD-Zeitung und dem Deutschlandfunk aufgegriffen wurde. Ziel ist vor allem der Duisburger Fraktionsvorsitzende der LINKEN, Hermann Dierkes, der sich einer regelrechten Rufmordkampagne ausgesetzt sieht, weil er die menschenrechts- und völkerrechtswidrigen Untaten der israelischen Regierung und Armee anprangert und Unterstützung für die weltweite Kampagne BDS für legitim hält. Die Diffamierungen und abwegigen Vergleiche nehmen immer absurdere Züge an.

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